Der Herrgott im Himmel

Eigentlich ist es ein Krimi. Was heisst eigentlich? Håkan Nesser, Am Abend des Mordes, erzählt einen neuen Fall für Inspektor Barbarotti. Einen spannenden Fall ohne Frage, einen, der sich erst ganz am Ende und sehr aussergewöhnlich klärt.

Doch der Krimi erzählt nicht nur einen Fall. Hinein verwoben in eine alte Mordgeschichte, die, so scheint es, nie richtig aufgeklärt wurde, ist das Trauern des Kommissars um seine Marianne, die jung und plötzlich gestorben ist. Erschütterlich genug. Wie kommen Menschen klar, wenn zu jung gestorben wird, einer mit 50 plötzlich mit 5 Kindern alleine da steht? Ich habe der Erzählung jeden Satz abgenommen über diese Wellen von Entsetzen und Lähmung, die das Leben „danach“ bestimmen. Barbarotti stürzt über seine Erinnerungen, hinein in neue Einsamkeiten, vergisst, woran er denken will, sucht mit dem Trauertherapeuten irgendwie, er weiss selbst nicht wie, diesen Schock zu bewältigen und für die Kinder da zu sein.

IMG_0211Aber er macht auch etwas anderes. Er geht den Spuren des Vertrauens auf den Herrgott, der Suche nach dem Sinn in allem, nach Bibelversen, die ihm helfen könnten genauso oft nach, wenn nicht öfter. Was seine Marianne glaubte, versucht er zu verwirklichen, selbst zu begreifen, dass sie nicht auf immer tot sondern ihm vorausgegangen ist. Es gelingt ihm brüchig
wie es wohl angemessen ist für unser Leben heute, doch er hat darin eine geduldige, eine geradezu freundliche Nachsicht mit dem Herrgott, der da oben ist, aber nicht immer redet.

Es ist ein grossartiger Krimi und ein gutes theologisches Buch, das da zu lesen ist. Was wir heute glauben können, worauf wir heute vertrauen angesichts von Tod und Schmerz, das kann ja gar nichts anderes sein als das, was ganz zu uns passt, zu unseren individuellen Leben und zu dem, was wir mit anderen darüber austauschen und verstehen.  Die Herausforderung heute ist ja „wie mache ich das, in meinem Trauern zu meinem Vertrauen zu finden?“ Barbarotti macht es vor, lässt uns teilhaben an individuellem Glaubenwollen, stöbert wahllos mit uns in biblischen Worten, die helfen könnten, betet inmitten allem was passiert auf seine Art. Am Ende habe ich das Gefühl, diesen Kommissar als Zweifelnden und Glaubenden gut kennen gelernt zu haben und von ihm lernen zu können. Dabei geht er die ganze Zeit seiner Arbeit nach und gerade, weil sich beides so verschränkt,  sein Beruf und sein Schicksal, ist er mir sehr nahe gekommen.

Beim nächsten Mal, wenn wieder eine Trauer zu Unzeit ist, irgendwo um mich herum, habe ich mir jedenfalls vorgenommen, dieses Buch weiter zu schenken. Lesen lohnt sich zu allen Zeiten. Darum meine Empfehlung: selbst lesen!

Håkan Nesser, Am Abend des Mordes, btb 2014.

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