Sendepause

Ruth Eberle hat irgendwie ein Auge für besondere Momente. Ich freue mich jedes Mal, wenn sie mir eine Momentaufnahme schickt und mich einlädt, dazu zu schreiben. Dann entstehen meine An-dachten als Antworten. In der Zwiesprache. Meist, weil am Ende im Zuger Pfarreiblatt veröffentlicht, von Ruth noch einmal kritisch hilfreich gegen gelesen. Ich finde eigentlich, so muss Theologie auf die Welt kommen! Jedenfalls kam so auch die Sendepause auf die Welt, die Sendepause zum Karfreitag. Hier zum Anschauen und Nachlesen.

Foto: Ruth Eberle
Foto: Ruth Eberle

Nein, hier ist kein Wort mehr zu hören. Das Mikrofon ist abgeschaltet, In dieser Kirche redet niemand mehr. Heute nicht. Der Gottesdienst, so stelle ich mir vor, ist vorbei. Nach den Worten bleiben Kreuz und Stille. Gleich kommt jemand, um den Boden zu putzen. Karg und trivial, mitten aus dem Leben, dieser Eindruck. Beinahe so, als schauten wir hinter die Kulissen. Dorthin, wohin wir selten sehen. Zur Kirche, wenn sie schweigt. Zur Gemeinschaft der Glaubenden, die gerade fehlt. Hörten hin zu den Worten, die stumm bleiben. Sendepause.
Ein Karfreitagsbild.
Keine grossen Liturgien und keine grossen Worte heute. Was wollen wir einander auch sagen? Der letzte Schrei, «mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» macht, dass alle sprachlos sind. Wer könnte antworten? Sendepause.

Eine Chance. Heute dürfen wir von allen Deutungen und klugen Sätzen pausieren. Vielleicht finden Sie einen eigenen Karfreitagsort, um in den Nachhall der Schreie zu hören?
Das Leid, dem wir heute zusehen, das heute geschieht, macht keinen Sinn. Noch nicht, sagen die Eiligen und schauen auf Ostern. Gar nicht, sagen die Leidenden und haben damit Recht.
Von allen Gottesdiensten, die ich als Spitalseelsorgerin gehalten habe, waren die an Karfreitag immer die schwierigsten, erinnere ich mich. Weil meine Worte, die ich sagen wollte, den Geschichten nicht Stand hielten. Welchen Sinn macht die Krankheit, die nicht heilbar ist? Welchen Grund hat die Ehe, die gescheitert ist? Warum stirbt mein Kind? Warum stirbt Jesus?
Zu schnell erscheint es mir, auf Ostern zu vertrösten. Und mit der Behauptung, Gott habe gewollt, dass sein Sohn so stirbt, hatte ich schon damals meine grosse Mühe. Beides, so glaube ich, nimmt diesem Tag seine Bedeutung. Denn die Sendepause brauchen wir.
Nur so kann Karfreitag der Tag sein, der uns alle unterbricht. Heraus nimmt aus dem, was wir leben, aus all unseren Bewältigungsprogrammen. Heute ist der stille Tag, an dem wir mit allen Leidenden verstummen. Ja, Menschen sterben, überall auf dieser Welt. Ja, Menschen werden auch dahin gemetzelt von anderen, gejagt und umgebracht. Da kann einem beklommen zumute sein. Da ist die Welt fast nicht auszuhalten. Auch Gott schweigt. Der Sohn stirbt. Wir sind allein. Sendepause.

Nur langsam habe ich begonnen, Gesten zu sehen am Karfreitag. Kleine Gesten, die nicht wissen wollten, wozu das alles, Gesten, die wortlos geschehen. Zum Glück gibt es Menschen,die bleiben, wenn Leiden kommt. Die den Schweiss abwischen. Die die Hand halten. Die Blumen mitbringen. Die am Bett schlafen. Die da sind, die Bettdecke zurecht zupfen. Immer noch und ganz am Ende auch. Kann ich selbst ein Mensch sein, der solche Gesten weitergibt, der zu solcher Anteilnahme fähig ist? Und wo heute?
Caroline Emcke, die Journalistin, die in vielen Kriegsgebieten unterwegs war, hat ein wunderbares Buch geschrieben, voller grausamer Geschichten. «Weil es sagbar ist», heisst ihr Bericht. Vielfach erzählt sie davon, wie sie mit anderen dieses Verstummen hat aushalten müssen angesichts der Grausamkeit, die geschehen war. Dabei bleiben ohne zu wissen wurde ihre Geste. Irgendwann vertrauten ihr die Menschen ihre Geschichten an. Machten sie zur Zeugin ihres Leidens. Damit erzählt werde, durch sie, was geschehen war.
Gott hat uns heute zu Zeuginnen und Zeugen gemacht. Nicht zu denen, die schon wissen. Nur zu denen, die dabei bleiben können. Kein Leid ist mehr, das nur einem Menschen geschieht. «Dieser Mensch ist in Wahrheit Gottes Kind.» So sagt es der Hauptmann, nachdem Jesus gestorben ist. Die ertragen müssen, gehören zu Gott, wie der Christus. Und wir können sie halten. Heute, als Zeuginnen und Zeugen, um morgen schon die Geschichten von Jesus und all den anderen weiter zu erzählen, damit das Leid ein Sagbares wird und damit vielleicht ertragbarer.
Und bald schon hören wir von Gottes Widerspruch gegen all dieses Leid. Aber eben erst am Ostermorgen.

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