Ein Pferdehintern steht im Weg

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Ein Pferdehintern steht mir im Weg. Unterbricht meinen Weg durch das Museum für Wohnkultur in Basel. Der Pferdehintern ist Teil eines anderen Museums, das hier eine Zeit lang zu Gast ist, dem Museum of broken relationships.

Zerbrochene Beziehungen

Ein Museum der zerbrochenen Beziehungen. Gefüllt mit ganz persönlichen Erinnerungsstücken an die zerbrochenen Beziehungen. Ein Museum, das nirgends daheim ist. Es wandert. Ein Museum, das überall daheim ist. Denn an jedem Ort, an dem es aufgenommen wird, sind die Menschen an diesem Ort eingeladen, das Museum um ihre Erinnerungsstücke an zerbrochene Beziehungen zu ergänzen. Ein wachsendes, ein lebendiges Museum. Ein Museum für die Erinnerung an das, was wichtig war. An das, was nicht möglich war. Erinnerung mit therapeutischem Potential. Vielfältig, persönlich, offen.

Rituale zu Brüchen

Der Pferdehintern bringt mich zum Nachdenken. Warum gibt es in meiner Kirche nicht mehr Rituale für den Umgang mit Zerbrochenem. Wir feiern Hochzeit. Bei der Begleitung von Trennungen mit achtsamen und würdigenden Ritualen sind wir aber noch ganz am Anfang. Wir feiern die Taufe eines Kindes. Für den Bruch, den das Elternwerden im Leben von Frauen und Männern bedeutet, gibt es dabei aber wenig Raum. Zwar bieten wir Raum für Erfahrungen von Schuld und Scheitern, engen das aber oftmals sehr individuell auf „meine Schuld in meinem Leben“ ein. Brüche in der Gemeinschaft werden kaum thematisiert oder bleiben abstrakt.

ExpertInnen im Umgang mit Brüchen

Dabei könnten wir doch durch unsere Tradition ExpertInnen im Umgang mit Brüchen sein. Die Lebensgeschichten biblischer Figuren zum Beispiel sind voller Brüche.
David und Michal. Eine Liebesgeschichte. Eine Geschichte von schmerzhaften Brüchen und Verletzungen. Gebrochener Teil unserer Heilsgeschichte. Welches Erinnerungsstück an ihre Beziehung zu David hätte Michal wohl ins Museum of broken relationships gestellt?
Abraham, Sara und Hagar: ein Schlingerkurs von Zweier- und Dreierbeziehungen, voller verheissungsvoller Aufbrüche, verletzender Ausbrüche und tragischer Abbrüche. Mit Folgen für Eltern und Kinder. Und trotz allem im Gespräch und im Ringen mit Gott. Und unter Gottes Segen. Segen auch für das Kind der zerbrochenen Beziehung.
Und dann die Bibel als Ganze. Wann ist sie entstanden? Als sie gebraucht wurde Und wann wurde sie gebraucht? Als etwas zu Bruch ging. Als Erwartungen, Sicherheiten, Hoffnungen einer Gemeinschaft zerbrochen und gescheitert sind. Dann wurde die Frage nach dem Sinn laut, nach Gott in der Zerbrochenheit.

Kunst und Handwerk

Der Pferdehintern im Museum of broken relationsships steht nicht für eine zerbrochene Paarbeziehung, sondern für eine zerbrochene Arbeitsbeziehung. Ein Basler Künstlerkollektiv ist voller Enthusiasmus in die gemeinsame Arbeit gestartet. Zu wenig Sorgfalt für das Gemeinsame haben den Traum offenbar scheitern lassen. Der Pferdehintern ist ein Requisit der letzten gemeinsamen Show.
Es ist eine Kunst aus unseren heute – zum Glück! – starken Ichs ein Wir werden zu lassen. Ein neues Wir, wohlgemerkt. Ich will nicht zurück zu alten, hierarchischen, zwanghaften Formen. Es ist eine Kunst – und ein Handwerk, das alltäglich sorgfältig ausgeübt werden will. Mit Kopf und Hand und Herz und Hintern. Auch in meiner Kirche.

Fülle im Fragment

So bringt mich der Pferdehintern, das halbierte Pferd, zum Träumen. Ich träume von einer Kirche, in der die Brüche im Leben einen wesentlichen Raum einnehmen. In der das gebrochene Leben, nicht das idealisierte, der Normalfall ist. Mit viel Raum für Erinnerungen an das, was wichtig war und ist. Mit viel Raum für die Erinnerung an das, was nicht gelungen ist. Raum für die Fülle im Fragment. Raum für die Verheissung, dass die Tränen getrocknet und die Bruchstücke zusammengefügt und geheilt werden. Und daran, dass wir das nicht selber machen müssen. Wir werden damit beschenkt. Wir müssen nicht mit dem Kopf durch die Wand, wie das Pferd im Museum für Wohnkultur. Wir können mit dem Fragment unseres Lebens – und sei es „nur“ ein Hinterteil – da sein, wo wir wohnen. Unser Fragment, unsere Erinnerung an zerbrochene Beziehungen ist es wert, im Museum gezeigt zu werden. In einem Museum, das wächst und wandert. Einem lebendigen Museum.

Peter Zürn

Das Museum of broken relationships im Museum für Wohnkultur Basel hat seinen Aufenthalt hier am 30. August beendet. Ich lasse mich überraschen, wohin es als nächstes wandert.

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