Eine Fähre zu mir

Im Sommer bin ich auf dem spanischen Jakobsweg gepilgert. Nicht auf der Hauptstrecke, sondern entlang der Atlantikküste. Von Bilbao nach Santander. Vieles war anders als ich es früher beim Pilgern erlebt hatte. Der Weg führte mich nicht von Kloster zu Kloster, sondern von Strand zu Strand. Ich war nicht Pilger auf einem berühmten Weg. Ich war Pilger unter Strandurlaubern und Surferinnen. Ein Mosaiksteinchen unter vielen im bunten Strandleben.

Noch etwas war anders. Auf der Hauptstrecke des Jakobsweges spielen Brücken eine wichtige Rolle. Die Brücke von Puente la Reine hat dem Städtchen, in dem sie steht, den Namen gegeben und ist zu einem Symbol für den gesamten Jakobsweg geworden. Auf meiner Küstenstrecke gab es keine einzige Brücke. 20150910_152242Aber an einigen Meeresbuchten, die tief ins Land einschneiden und die zu umlaufen viele Stunden dauern würde, gibt es – eine Fähre. Der Anblick der Münsterfähre in Basel auf meinem täglichen Arbeitsweg rief die Erinnerung in mir wach an die Überfahrten mit der Fähre beim Pilgern. Was ist das Besondere einer Fähre? Was ist anders als bei einer Brücke?

Die Brücke ist immer da. Auch wenn sie nicht benutzt wird, überquert sie den Fluss. Ihre Steine sind ein sichtbares und unverrückbar an der Stelle bleibendes Stück des Weges. Die Fähre ist anders. Sie hat ihr Stück des Weges beweglich in sich. Sie nimmt den Weg mit sich. Sie verwirklicht den Weg genau in dem Moment, in dem sie mich übersetzt. Und nur dann. Die Fähre existiert sozusagen im Moment. In dem Moment, in dem sie fährt.

Da ja der Pilgerweg ein Symbol für das Leben ist, verband ich die Frage nach der Fähre mit mir und meinem Leben: Wo gleiche ich der Brücke und wo gleiche ich der Fähre? Und da mich die Fähre so besonders berührt hat: Welche Fährqualitäten erlebe ich bei mir? Steht das Berührtsein durch die Fähre für eine Sehnsucht? Möchte ich der Fähre in mir mehr Raum geben? Ja. Ich möchte dem Ort, an dem ich eben bin, dem Weg, den ich täglich zurücklege, den Menschen, die mich jeden Tag brauchen, achtsam begegnen. Hier verwirkliche ich mich. Hier ist alles da. Ich möchte leichter werden und tragfähiger für den gegenwärtigen Moment.

Die Fähre ist für mich ein wertvolles Bild geworden für die seelsorgerliche Begleitung von Menschen, die ein wichtiger Teil meiner Arbeit und meines Lebens ist. Sie verwirklicht sich genau in dem Moment, in dem sie sich ereignet. Sie trägt ein Stück Weg in sich und bietet es als gemeinsamen Weg an. Nicht umsonst ist die Fähre ein Bild, das in vielen religiösen Traditionen gebraucht wird.

Peter Zürn

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s