Eine Schrecksekunde

Wer durch Wettingen fährt, kommt plötzlich an King Kong vorbei. Aber das Monster, das da in einer Ecke an der Strasse steht, hat einiges von seinem Schrecken verloren. Kaum noch vorstellbar, dass diese Gestalt einmal die Ängste und insgeheimen Sehnsüchte von Millionen Menschen verkörpert hat. Horrorgestalten haben es schwer heutzutage. Da können sie das Maul noch so weit aufreissen.

Eine kleine Theorie des Horror

Stephen King, selbst Bestsellerautor von Horrorgeschichten, hat in einem Buch über Horror aufgezeigt, wie Horrorgestalten die jeweilige kollektive Angst (und insgeheime Sehnsucht) einer Zeit zum Ausdruck bringen: die Marsmenschen die Angst der Amerikaner nach dem Sputnik-Schock, die durch radioaktive Strahlung oder Genmanipulationen ins Gigantische vergrösserten Monster (zu ihnen gehört King Kong) die Angst vor den Folgen der entsprechenden Im Technik, der Teufel im Exorzist die Angst vor der nicht mehr kontrollierbaren Jugend. Das sind Kings und meine zugegebenermassen schon etwas veralteten Schreckensbilder. Noch früher hat wohl die Kirche solche Bilder bereitgestellt in den Darstellungen von Kreuzigungen und vom Gericht. Stephen King schreibt auch, dass Horror konservativ ist und unter dem Motto steht: „Watch the mutant!“ Halte Ausschau nach dem Mutanten! Nach dem oder der, die anders ist als das sogenannten Normale. Im Horrorgenre wird das Andere sichtbar gemacht und dann bekämpft. King Kong muss sterben.

Calvin und Horror

Kann man uns heute überhaupt noch erschrecken? Im Comic Calvin & Hobbes gibt es einen Strip, der mich immer wieder zum Lachen und manchmal zur Verzweiflung bringt: Der kleine Calvin hat Schluckauf und bittet seinen Tiger Hobbes ihn zu erschrecken. Hobbes beginnt: „Das Klima erwärmt sich, die Polkappen schmelzen, auf den Ozeanen treibt eine Insel aus Plastikmüll grösser als Europa…“ Die Wirkung ist natürlich (!) gleich Null.

Beim Vorbeifahren an King Kong kommen mir unsortiert Fragen in den Sinn: Brauchen wir mehr schrecklichere Monsterfiguren an den Strassenecken? Wer oder was ist der King Kong unserer Zeit? Liegt im Erschrecken eine heilsame Kraft? Welche insgeheimen Sehnsüchte sind darin verborgen? Gibt es eine Alternative dazu, das Andere zu töten?

Peter Zürn

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