Die leere Mitte

Mitten in Wettingen liegt der Alte Friedhof. Eine grosse brachliegende Fläche. Weitgehend unbebaut. Ein paar wenige Gräber sind noch da. Irgendwo plätschert Wasser. Überall wächst es. Der Alte Friedhof wird wenig genutzt, ausser von einigen Jugendlichen, die sich hier treffen, um Musik zu hören und zu reden und was weiss ich – ich will es ja gar nicht wissen und schlendere an ihnen vorbei und geniesse den weiten, nicht genau definierten Raum um mich herum. So was möchte ich auch! In mir. Mittendrin. Genauso gross. Jederzeit zugänglich. Zu nichts Bestimmtem da.

Ich komme am Grab des früheren Bezirksamtmannes vorbei. Vermutlich hiess er Jakob mit Vornamen. Aber jetzt ist der mittlere Buchstabe verloren gegangen. Ja_ob steht vor mir. Auch bei ihm ist die Mitte leer. Ihm ist geschenkt worden, was ich mir wünsche. Eine brachliegende Leere in der Mitte. Beneidenswert. Vielleicht hiess er ja gar  nicht Jakob. Vielleicht war er ein ganz Anderer. Vielleicht ist er jetzt ein ganz Anderer. Vielleicht wird man viel leichter ein ganz Anderer, wenn man eine leere Mitte hat.

Ein Gedicht von Robeert Gernhardt kommt mir in den Sinn. Eins meiner Lieblingsgedichte:
„Ich horche in mich rein
In mir muss doch was sein.
Ich hör nur gacks und gicks.
In mir da ist wohl nix.“

Gott sei Dank für das Nix in der Mitte mit so viel Raum für gacks und gicks.

Peter Zürn

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