Die Utopie im Briefkasten

Heute sind sie gekommen. Die Unterlagen zum Abstimmungssonntag vom 5. Juni. Wir stimmen unter anderem über die Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ ab. Darauf habe ich lange gewartet: Ich kann über eine Utopie abstimmen. Ich kann mich für etwas entscheiden, was die Gesellschaft, in der ich lebe, grundlegend verändern wird. Etwas das radikal in die Tiefe gehend und visionär in die Weite schauend auf die Herausforderungen reagiert, vor denen wir als Gesellschaft stehen. So etwas habe ich bisher vor allem dann erlebt, wenn ich in der Bibel gelesen und Theologie getrieben habe: „Das ist das Brot, mit dem euch Gott am Leben halten wird … Jeder soll so viel davon sammeln, dass es für seine Familie reicht“ (Exodus 16,15f.). „Jeder wird in Frieden unter seinen Feigenbäumen und Weinstöcken sitzen“ (Micha 4,4). „Selig die auf Gewalt verzichten, Gott wird ihnen die Erde als Besitz geben“ (Evangelium nach Matthäus 5,5). „Die Gnade Gottes muss sich niemand verdienen, sie ist bedingungslose Liebe“ (roter Faden durch die christliche Theologie, Gott sei Dank besonders betont durch die Reformation). Jetzt habe ich so etwas im Briefkasten. Als realen politischen Entwurf. Als Verfassungstext Artikel 110a: „Das Grundeinkommen soll der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen“.
Und noch besser: Auch der Bundesrat erkennt das Anliegen an! Seite 20, erster Satz. Er findet das Experiment nur „zu riskant“ (S. 21). Aber für Experimentierfreude waren Regierende noch nie bekannt. Dafür gibt es ja zum Glück/Gott sei Dank mutige Menschen im Volk.

Das Grundeinkommen wird am 5. Juni ziemlich sicher nicht angenommen. Aber die Initiative strebt einen tiefgreifenden Wandel an: „Das Zusammenleben, die Rolle der Erwerbsarbeit, der Arbeitsmarkt, das Wirtschaftssystem und das System der sozialen Sicherheit würden sich verändern.“ Dieser Wandel kommt so oder so. Wir haben damit angefangen, ihn zu diskutieren und zu gestalten. Wir haben angefangen lebenswichtige Fragen zu diskutieren. Fragen nach Lebenssinn und Lebensqualität und nach Gerechtigkeit. Dank Initiativen wie dem Grundeinkommen, das dann 2050 spätestens kommt. Wir hier im Blog „weiteratmen“ werden uns öfter und intensiver vom Grundeinkommen unterbrechen lassen. Wir werden alle zwei bis drei Tage dazu schreiben. Und wir werden zu dritt schreiben. Ruth Eberle wird sich mit uns unterbrechen lassen. Sie wird sich übermorgen gleich selbst vorstellen.

Was auf den Tisch kommt, kann verwandelt werden – ein guter alter Satz aus dem katholischen Eucharistieverständnis. Die Initiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ bringt einiges auf den Tisch und macht Verwandlung möglich.

Peter Zürn

 

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