Welche Farbe hat Arbeit?

Ich habe Spass an (Abstimmungs-)Werbung, die kreativ ist. Als mir erstmals das Plakat mit dem goldenen Punkt und der Aufschrift JA begegnete, war ich perplex. Ich wusste (noch) nicht, wofür hier votiert wird. Aber es war sofort klar: Das ist pure Schönheit und Klarheit. Das zieht mich an. JA.

Inzwischen weiss ich, dass es das Kampagnenplakat fürs Bedingungslose Grundeinkommen ist. Aber die Verbindung dazu erschloss sich mir nicht sofort. Sonne oder Vollmond? Schild oder Münze? Scheibe oder Kugel? Heiligenschein oder Sieger-/innen-Medaille? Märchensymbol oder Zeichen für höchste Wahrheit? Ich habe nachgefragt. Der Künstler Demian Conrad steckt dahinter. Und Daniel Häni, Mediensprecher des Grundeinkommen-Komitees, sagt dazu: «Der politische Inhalt wird von der künstlerischen Bearbeitung transformiert. So arbeitet das Komitee mit seiner Initiative gezielt über die Grenzen von Kunst und Politik hinaus.» Das sehe ich eingelöst.

Aber Gold, warum gerade Gold? Daniel Häni erklärt mir: «Gold kann man verschieden interpretieren. Wir kamen darauf durch die Frage: Was ist die neue Farbe der Arbeit? Und wir fanden es stimmig, dass – wenn nicht mehr Rot – Gold die Farbe der Arbeit ist, im Sinne von kreativ und eigenverantwortlich.» Und zur Form: «Der Punkt kam vom Designer Demian Conrad. Erst war es eine Fläche. Er hat es nun auf den Punkt gebracht.»

Welche Farbe hat die Arbeit? Diese Frage gefällt mir. Es ist gut, wenn Arbeit nicht mehr rot ist, im Sinne von Kampf und Krampf und Leiden und Blut schwitzen als Zentrum des Lebens. Es ist gut, wenn Arbeit einen anderen Stellenwert bekommt und andere Dinge/Erfahrungen stattdessen verstärkt sinnstiftend und identitätsbildend sein können. Es ist gut, wenn Arbeit-Geben nicht mehr derart ein Mittel der Macht ist. Es ist gut, wenn Arbeit, die bisher überhaupt keine Farbe hatte, ja in der öffentlichen Wahrnehmung unsichtbar war, auch „vergoldet“ wird, in doppelter Hinsicht. Das sind Visionen, denen ich Kraft geben möchte.

Was es für mich persönlich bedeuten könnte, wenn das Grundeinkommen käme – liebe Brigitte, ich nehme dein Blogstöcklein auf – das kann ich mir noch nicht ganz vorstellen. Ich bin in der privilegierten Situation, vier Berufsjahre vor der Pensionierung, dass meine Arbeit meinen Fähigkeiten entspricht, mir gefällt, sinnvoll ist, der zeitliche Umfang mit 60 % ideal, die Bedingungen dazu gut und der Lohn gerecht. Ich habe – neben der Arbeit – viel Raum für anderes, mir ebenso Wichtiges. Da sehe ich schon sehr viel Gold und wenig Veränderungsdruck für mich persönlich. Unabhängig davon will ich mit der Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens auf den Weg gehen, auf den Punkt gebracht in der Farbe der Transformation, der geglückten Alchemie, des erreichten Ziels … Für meine Enkelinnen vielleicht …

Ruth Eberle

 

 

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One thought on “Welche Farbe hat Arbeit?

  1. Liebe Ruth, Dein Text und Werbeplakat gefallen mir sehr gut. Ich erlebe gerade meine (neue!) Arbeit auch als dicken goldenen Punkt, sinnstiftend und identitätsbildend und bin in ähnlich glücklicher Lage wie Du mit meiner Arbeit zur Integration von Flüchtlingskindern. Viele, viele Glücksmomente. Schön, dass Du nun Bloggerin bist und Deine außergewöhnlichen Fotos von schönen Worten begleitet werden.
    Auch die anderen Blogger von „Weiteratmen“ gefallen . . .

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