Der achte Tag der Woche

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen läuft intensiv. Gestern Abend in der Arena des Schweizer Fernsehens, heute ab 14.00 Uhr im Faktencheck auf tagesanzeiger.ch, letzte Woche bei der Kaffeepause im katholischen Pfarramt in Würenlos. Sogar bei der Bibelarbeit.

Mit einer Männergruppe habe ich das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg gelesen. Es erzählt von einem Gutsbesitzer, der Tagelöhner für seinen Weinberg sucht. Mit den Arbeitern, die er früh am Morgen einstellt, vereinbart er einen Denar als Tageslohn. Ein Denar war damals die Summe, die eine Familie jeden Tag für das Überleben brauchte. Das lebensnotwenige Grundeinkommen. Auch später am Tag findet der Gutsbesitzer immer wieder Männer, die Arbeit suchen. Die letzten arbeiten nur noch eine Stunde. Als er den Lohn auszahlt, bekommen die, die nur eine Stunde gearbeitet haben, einen Denar. Die, die 12 Stunden in der Hitze geschafft haben, erhoffen sich jetzt einen grösseren Lohn, aber auch sie erhalten den abgemachten Denar. Wie es weitergeht? Lassen Sie sich überraschen im Matthäusevangelium Kapitel 20.

Wir haben uns in Rollen aus dieser Geschichte versetzt: in einen Arbeiter, der 12 Stunden gearbeitet hat und in einen, der den Lohn für nur eine Stunde Arbeit bekommen hat. Leicht gefallen ist uns der, der den ganzen Tag geschuftet hat. Denn er hat das, was er an Lohn bekommt, wirklich im Schweisse seines Angesichts verdient. Nur eine Stunde zu arbeiten und dafür den vollen Tageslohn zu bekommen, das machte uns Mühe. Das konnten wir gar nicht richtig wollen. Obwohl das ja noch lange nicht bedingungslos war. Die Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen zeigen mir, dass es vielen (Männern) so geht, wie es uns ergangen ist. Etwas bedingungslos zu geben oder zu bekommen, das bringt etwas ganz Neues ins Spiel. Etwas, das Widerstand weckt. Und durch den Widerstand hindurch seine Faszination erkennen lässt. Die Faszination von etwas Anderem. Etwas Überraschendem. Für mich etwas Göttlichem.

Bundesrat Alain Berset, ein konstruktiver Kritiker des Grundeinkommens, hat es gestern in der Arena ins Wort gebracht. In der Schlussrunde wechselte Moderator Jonas Projer wunderbar die Perspektive und tauschte Einkommen in Zeit um. „Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag mehr Zeit pro Woche hätten?“ fragte er. Und Bundesrat Berset antwortete: „Ich würde den Tag frei lassen, um mich überraschen zu lassen.“ Der achte Tag der Woche, der achte Schöpfungstag, als Tag der Überaschungen. Wundervoll.

Peter Zürn

Was würden Sie machen, wenn die Woche 8 Tage hätte? Die Antworten aus der Arena

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