STEIGERUNGSFORMEN

Kürzlich habe ich diese Spiegelung auf einem von einer Reinigungscrew frisch abgespritzten Platz fotografiert. Eine Frau blieb stehen und sagte: «Oh, ohne Sie wäre mir dieses schöne Bild nie aufgefallen. Danke.» Erfahrungen dieser Art mache ich immer wieder.

Ich habe mich fürs Sehen, fürs Schauen entschieden, irgendwann, ganz bewusst. Der Fokus ist gesetzt und wirkt. Er gibt meinen Spaziergängen, meinem Blick aus dem Fenster, meiner Begegnung am Strassenrand eine ganz stille, aber besondere Qualität.

Sehen ist nicht gleich sehen. Es gibt dieses aktive bis hektische, neu-gierige Ausschau-Halten nach irgendwas Bestimmtem oder Unbestimmtem. Und dann gibt es das eher passive, das ganz entspannte, zweckfreie An- oder Hinschauen, was an und für sich schon die Qualität von Schönheit in sich hat. Staunen kann eine Steigerungsform davon sein, wenn Emotionen dazukommen. Ehrfurcht eine weitere. Das Wort mit dieser eigenartigen Verbindung von Ehre und Furcht war mir lange sehr fern. Ich musste es entstauben und von schwierigen Assoziationen befreien, bis ich mir eingestehen konnte, im Schauen, im Staunen immer wieder Ehrfurcht im Sinne eines erhebenden Gefühls, einer Ergriffenheit zu empfinden.

Kürzlich ist mir das Buch «Ehrfurcht. Psychologie einer Stärke» von Anton A. Bucher (Patmos-Verlag) in die Hände gekommen. Es bricht eine Lanze für die Kraft, die vom Staunen kommt. Und zeigt, dass richtig verstandene Ehrfurcht das Leben vertieft. Ehrfurcht begünstige, «dass Menschen ihr Selbstkonzept in Richtung Universalität erweitern und dadurch gerade nicht klein werden, sondern zu einem bewundernden Teil eines viel grösseren Ganzen». Das ehrfürchtige Eingeständnis, als Mensch nicht das Mass aller Dinge zu sein, sondern abhängig von so viel Grösserem, könne letztlich dazu führen, sich diesem anzugleichen und die Seele gleichsam auszudehnen.

Die Seele auszudehnen als Wirkung von Schauen und Staunen, dieser Gedanke gefällt mir. Ich trage ihn mit mir und er trägt mich.

Ruth Eberle

 

 

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