Im Untergrund

Unter (!) dem Titel „Untergrund“ sind gestern die Badener Neujahrsblätter erschienen. Herausgegeben von der Literarischen Gesellschaft und und der Vereinigung für Heimatkunde. Der erste Beitrag bezeichnet den Untergrund mit einem Begriff von Michel Foucault als „Heterotopie“. Kein Unort, kein Nichtort, sondern ein Ort, in dem die wirklichen, die gewohnten Räume innerhalb einer Kultur „gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind“. Ein Ort, an dem sich Sehnsucht und Erschrecken begegnen. Ein Ort von ganz eigener, normalerweise ungesehener oder nicht beachteter Schönheit. „Geheimnisvolles und Grauenhaftes aus dem Untergrund“ titelt die Aargauer Zeitung heute in ihrem Regionalbund. Fast schon etwas Göttliches, dieser Untergrund. Ein Mysterium fascinosum et tremendum. Ort der erdgebundenen, der chthonischen Götter, bevor die Menschheitsentwicklung sie in den Himmel und zu den Sternen erhoben hat – ad astra. Astrale Götter des Lichts.
Wenig Gottesbilder der ab- und untergründigen und Art sind überliefert. Adson von Melk immerhin beginnt seinen Bericht in Umberto Ecos „Der Name der Rose“ so: „Dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheit … hebe ich nunmehr an…“
Hier ist der Abgrund wüst. Kurt Marti bringt in seinen „meegedichten alpengedichten“ den Untergrund, die Höhle, nicht nur in Verbindung mit Gott, sondern auch mit Schönheit.

dunkel leuchtende höhle
wo wir
wärme suchen und zuflucht
bei feuer und freunden
schöne höhle
du
gott
in der wir
immer schon gingen
und wussten es nicht

Schön ist der Untergrund, die Höhle, mit Feuer und Freunden. So ist er Zuflucht und erinnert an uralte Erfahrungen der höhlenbewohnenden Menschheit. Unser Astralkörper wird rundlicher. Unser Leistungdenken sucht Zuflucht. Unser Individualismus seuft erleichtert auf, weil da noch Freundinnen und Freunde sind. Unsere Rationalität schliesst die Augen und sieht Anderes. Übersehenes. Und die Götter verlassen ihre fernen Sterne und kommen uns ganz nahe. In ganz irdischen Erfahrungen. Bei der Sorge für das alltägliche Leben. Beim Feuer anzünden und Verdauen, beim Abwischen von Mündern und Hintern und Tränen. Bei der Müllabfuhr. All das hat seine eigene Schönheit.

„Die Jugend erfindet sich am liebsten neu, wenn sie nicht gesehen wird“, heisst es in den Badener Neujahrblättern. Da wo wir nicht hinschauen, wird Zukunft gestaltet.

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