Ein Mensch wie Brot

Die Musik umschwebt und umgarnt ein Geheimnis. Da bricht einer Brot und sagt: das ist wie ich. Da gibt einer einen Kelch und sagt: das ist der neue Bund. Unendlich oft sind diese Worte wiederholt und wieder gedeutet, erklärt und verklärt, ausgedeutscht und verklausuliert, zum Dogma erhoben und zur Wahrheit ernannt immer noch rätselhaft und immer noch geheimnisvoll. So ist mein Leib, der Leib voll Herrlichkeit. Die Musik führt uns zum Geheimnis zurück und zu einem alten theologischen Trick. Wer nicht versteht, kann und sollt vielleicht sogar das Unverstandene öfter loben. Es feiern, es als Wundersames preisen, ihm zuerst und vor allem einen Glanz zubilligen, den es nicht so Weiteres hat, weil wir das schon verstehen. Preise Zunge, das Geheimnis, so leicht konnte Thomas von Aquin sich bergen in Verehrung und Anerkennung dieser Selbstdarbietung Jesu am Ende seines Lebens. Wann immer ihr vom Pessachlamm esst, esst Brot und Wein im Gedenken an mich.

Dies ist mein Leib. Hochgehobenes Brot seither in vielen Abendmahlsfeiern. Klein nur die fremde Nuance in der Bibelübersetzung, die wir vorhin hörten: So ist mein Leib für euch, das tut zur Erinnerung an mich. Plötzlich steht das Brechen im Mittelpunkt. Sein Leib, ein gebrochener. Sein Leib, sein Leben, verteilt und bei allen Feiern der Gemeinschaft neu gebrochen und verteilt als das, was alle verbindet. Nicht auf irgendeine Identität kommt es an. Wohl eher auf das Brechen und geben – So ist mein Leib, gebrochen und aufgebrochen und alles, was seither mit ihm zu tun hat, wird auch genährt von dieser Geschichte. Im Gedenken geraten wir hinein in seine Geschichte.

Gilt nicht dann auch: So ist mein Leib, ihr seid mein Leib? Wenn einer sich gibt, wenn der sich hingibt, wenn wir von ihm zehren können, dann sind alle, die von ihm zehren, Menschen, die durch ihn werden wir er. Ein Leib mit vielen Gliedern. Geheimnis? Immer noch Geheimnis, in einer sich fügenden Variation. Wann immer wir vom Pessachlamm essen, essen wir Brot und Wein, werden sein Leib, im Gedenken an ihn.

Dies ist Christi Leib. Und der Leib Christi hat Aids. Mit diesem Satz erschütterte einmal ein amerikanischer Priester seine Gemeinde. Weil, wenn die Gemeinde der Leib ist, dann ist alles, was einem von uns geschieht, etwas was dem Leib Christi geschieht. Geheimnis der Verbundenheit. So ist mein Leib. Das meint einfach nur: es ist nichts seither, seit Christus sich gab, ungetrennt von ihm. Eher ganz nahe, zum Kauen nahe zusammengerückt. Preise, Zunge das Geheimnis, und kaue an ihr.

Pange Lingua, Gedanken zu einem alten Hymnus, Vesper Johannes, 4. April 2017

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