Das Volk, das im Finstern wandert

Im Finstern wandern….. Hier würde ich gern mal in der Lesung stehen bleiben und mich umschauen mit ihnen. Es ist ja nur schwer im Finstern auszuhalten. Dunkel. Keine Hand vor den Augen, keine Klarheit der Richtung. Gut, passiert einem das selten, beinahe nie. Ein einziges Mal, ich erinnere gut, im Jura. Man sah die Hand nicht vor Augen, wir ahnten höchstens die Strasse am Klang, die Ohren sperrten sich weit auf, nichts zu hören, kein Laut, nur die Hoffnung, in richtiger Richtung unterwegs zu sein.

Es ist ja auch schnell zu übersehen. Helligkeit macht es uns leicht. Schau, dort kommt schon das Licht. Schau, da brennt schon ein Baum. Was halten wir uns lange auf, mit dem was dunkel ist und bleibt. Mit den Orten, an denen nichts zu hören ist und nichts zu ahnen von befreiendem Wort oder dem, was demnächst Gutes geschieht.

Für die im Dunkeln ist es darum nie leicht gewesen. Wie für die Mütter von Srebrenica, denen ich einmal begegnet bin. Nach so vielen Jahren im Kampf immer noch dran. Immer noch erhalten sie aufrecht, dass finsteres Unrecht geschehen ist, dass ihre Söhne und Männer und Väter ermordet wurden. Weil sie Bosniaken waren. Ein grausamer Genozid unter den Augen derer, die sie hätten schützen sollen. Da drüben und mitten im Krieg um Ex- Jugoslawien, in Bosnien damals. Seither und das sind jetzt so viele Jahre, 23 wenn ich genau sein will, stehen sie auf und ein dafür, dass Dunkel geschah und Dunkel bleibt. Eine tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit trägt sie, und die hört nicht auf und kann nicht verstummen.Sie kämpfen weiter und sind immer noch da, auch wenn die Welt das längst anders will.

Wie viele Mütter weinten um ihre Kinder, seit Anfang, seit Rahel und Lea und wie sie alle heissen, weil den Frauen das Weinen blieb, meist nur das Weinen, wo Unrecht und Gewalt regierten. Und wie viele von ihnen waren damit Zeuginnen des Dunkels und sind es noch jetzt, klagen und klagen an, halten offen, was alles nicht gut ist in dieser Welt. In guter Gesellschaft sind sie. Zusammen mit Friedrich Spee, dem Liederdichter und denen, die die Weltklimakonferenz belagern und vielen anderen sehnen sie sich danach, dass endlich etwas geschieht, aber es ist noch nicht da. Und längst noch nicht gut.

Ja, das ist oft genug nur schwer zu ertragen, wenn andere vor allem klagen und gern würde man wechseln aus dem Dunkel ins Licht, aus den Schmerzen zur Hoffnung und überhaupt zum Schönen.

Doch der Advent ist eine widerborstige Zeit.

Gott, sagte der kluge Mystiker Johannes vom Kreuz, selbst von seinen Brüdern in den Kerker geworfen, ist dort am ehesten zu finden, wo es ganz und gar dunkel ist und uns nichts anderes bleibt, als uns irritiert oder empört, suchend, tastend vorwärts hinein zu begeben. Was wäre, er hätte recht? Ich vermute, mit dem Blick auf das Dunkel gingen wir andere Wege durch den Advent. Oder?

Gedanke aus der Johannesvesper, Dienstag, 4. Dezember 2018

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