Das Telegramm der Engel

Ich habe mich für Worte entschieden. Obwohl ich viele Bilder mag und selbst oft und gern fotografiere. Ich habe mich für Worte entschieden, oder sie haben sich für mich entschieden. Das weiss ich nicht. Den Anfang dazu machte ein Wettbewerb: „Mein schönstes deutsches Wort“. Staunend habe ich in der Dokumentation dazu gelesen, wie Menschen beschreiben, warum sie Zeitlupe oder Vergissmeinnicht, Ohrensessel oder Ja von allen Worten am schönsten finden. Ich begann, meine Augen auf die Worte zu lenken. Wenn ich heute sagen sollte, was ich richtig schön finde, dann sind es  – Einzelworte, Ausdrücke, Formulierungen, Sprachbilder, Gedichte, Beschreibungen in wechselnder Zahl. Sie finden mich und überraschen mich. Rühren mich an und setzen sich in mir fest. Sie wohnen bei mir, fallen mir ein und faszinieren mich.

Wie sehr loben ihn die Kinder, die in den Tag hinein fliegen, hundert Arme Buddhas ausgebreitet, die Reissverschlüsse noch offen, entziffern sie das Telegramm der Engel, den ersten Schnee.Das ist so ein Wort, das mit zugelaufen ist, von Dorothee Sölle.

Es ist eigentlich nur eine Nebenbemerkung. Ein kleines Bild. Vielleicht sogar ein bisschen kitschig. Werden nicht Kinder oft genug für irgend etwas gebraucht, weil es schöne Bilder gibt? Ich bin darum widerspenstig beim Lesen. Nicht sofort einverstanden. Dennoch schleicht sich eine Erinnerung ein. An diesen besonderen Moment. Wenn der erste, der allererste Schnee des nahen Winters fällt. Die Worte bringen sie hervor. Bin ich selbst schon mal so gerannt? Könnte sein. Das eigentlich mich anrührende aber ist die Idee, dass der Schnee eine Botschaft ist. Ein Telegramm. Eine Nachricht von oben. Ach, wenn das wahr wäre, dass Engel aller Welt ein Telegramm schickten. Eines, das ich nur selbst rennend mit offener Jacke entziffern könnte. Da öffnet sich eine Tür in der Sprache. Und ich rutsche hinein. In ihre Bedeutung.

Ich lese solche Worte und spreche sie. Mit Staunen. Ja. Und mit ein bisschen Ehrfurcht. Auch. Schönheit entsteht nicht aus Notwendigkeit, sondern ihr zum Trotz (Alex Capus, „Das Leben ist gut“). Ich weiss nicht, ob das Schöne nicht auch notwendig ist. Aber ich weiss, dass es ein bisschen Trotz braucht, um darauf zu bestehen, dass Schneeflocken Telegramme sind. Im Trotz steckt diese Energie, die es braucht, um auf einer Wirklichkeit zu beharren, um eine Wirklichkeit zur Sprache zu bringen, die so überhaupt nicht beweisbar ist und mir so wichtig. Trotz allem, was dagegen spricht. Welche Bedeutung dieser Trotz hat, darüber hat gerade Gisela Matthiae ganz wunderbar geschrieben. Vielleicht ist darum Trotz mein schönstes deutsches Wort?

 

 

 

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