Tentakelworte

Wie Tentakel, diese Worte. Wer nur den lieben Gott lässt walten. Bittet, so wird euch gegeben. Wie Tentakel, die eine einfangen, die einen umschlingen. Widersprüche geistern in meinem Kopf, sobald ich sie höre. Als ob das wahr wäre. Ehrlich. Gott, immer antwortend, alle Bitten immer erfüllt, jeder Hunger immer beseitigt, jeder Vater einer, der seinem Kind Fisch gibt. Als ob das stimmen könnte.

Und selbst wenn ja, willst du das denn noch immer glauben? Einen Gott, der Menschen versorgt, eine Gottheit, die seine Menschen abhängig hält wie Kinder, eine höchste Macht, die kocht und bäckt für uns, auch wenn wir satt sind und sauber und uns längstens selbst versorgen können? Er schickt nichts und ich sehe nichts. Er war schon immer stumm und ich schon immer blind. So höre ich die Stimme sagen. Und stimme ihr zu.

Es braucht lange, bis eine zweite, nur eine andere noch zu hören ist, die immerhin in mir flüstert: aber manchmal, manchmal stimmt es ja schon! Manche Gebete werden erhört. Anders vielleicht als vorher gedacht, aber dennoch. Manchmal wird etwas gehört von dem, was Menschen erseufzen und bitten aus ihrem Herzen. Und es wird gegeben! So wie neulich ein Kollege erzählte von der Bitte in seiner Gemeinde, doch ein Ort zu werden, an dem Fremde sich wohlfühlen und dem Einzug einer Familie nur wenige Tage danach. Neulich erschien der Tag leicht, mittendrin und völlig getragen von etwas, was ich beinahe nicht erkannte, so leicht war es. War es das, die Gabe, die Antwort?

Ach höre ich mich sofort sagen, Gott hat es so gefügt, wie es jetzt gekommen ist? Das ist doch noch ein Tentakel. Wäre es nicht besser, Gott würde sich erweisen in mächtigen Taten als in solchen, unklaren Verhältnissen irgendwie vielleicht auch noch erhörend, erfüllend, mitwirkend tätig zu sein? Nein – Er schickt nichts, und ich sehe nichts. Ist Gott nun stumm oder ich blind?

Einmal, als ein Jude im Ghetto von Warschau erlebte, wie der Sturm auf diese kleine letzte Welt ansetzte und wusste, dass nun sein Tod nahe bevorstand, da entschied er sich, nicht zu beten, sondern sein Leben zu verteidigen. Er entschied so, um Gott nicht in Versuchung zu führen, menschliches Elend lindern zu müssen. Ist Gott besser blind und wir vielleicht die Stummen?

Beten nennt Hubertus Halbfass den Sprung in den Brunnen. Den Mut, uns mitten hinein fallen zu lassen. Ohne zu wissen, wo wir landen.

Es gibt keine Halteleine, noch nicht einmal die, dass andere auch schon….. Nichts hilft uns die wortwörtliche Sicherheit, dieses „um wieviel mehr wird doch Gott“ des biblischen Textes…..nur die leise, immer wiederkehrende Hoffnung trägt vielleicht, dass wer bittet auch empfangen wird, wer Hunger spürt vielleicht ins Kauen kommt und Gott , Unberechenbar und uns gegenüber, hört, wenn wir hineinspringen in den Brunnen der Begegnung.

Und im Dunkeln sehen lernen.

Gedanken zu Lukas 11, 9-13, zuerst gesagt in der Dienstagsvesper, Kirche- Industrie.ch, , 17-1-17.

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